Eine Motorradreise um die Welt aus Liebe zum Tätowieren

Notch the World. Eine Reise aus Liebe zur Tätowierung und zum Motorradfahren.

Dr. Notch - aka Heiko Gantenberg

Im Alter von 18Jahren begann ich, während einer Reise durch den Westen der USA, mein Leben dem Tätowieren zu widmen. Bis dahin fiel ich eher als schlechter Schüler und als Bassist in Punkrock Bands auf. Der Grund meiner damaligen Reise war, mich vor der Einberufung zur Bundeswehr zu drücken...meine kurz vorher eilig verfasste Verweigerung wollte partout nicht anerkannt werden. Auf dieser ersten Reise durch die USA, viele weitere sollten folgen, lernte ich den Tätowierer Russell Myers ansässig in Boise, Idaho, kennen. Russell unterschied sich von den Tätowierern die ich bisher in Amsterdam und Hamburg, kennengelernt hatte. Er war freundlich. Bei keinem der Tätowierer die ich vorher bei meinen Musiker Aufenthalten kennenlernte, hatte ich das Gefühl, dass es schlau wäre mal nachzuhaken wie es denn so wäre mit einer Ausbildung...was auf die Nase hätte es gegeben...nur für die dumme Frage. Bei Russell's Electric Dragon in der Emerald Street, hatte ich mich über Wochen geschickt eingeschlichen....ich hatte Langeweile in diesem Sommer in Idaho...keine Arbeitserlaubnis, ich hielt mich mit Rasenmähen und Häuser streichen über Wasser. Machte Musik mit lokalen Bands und fuhr die Betonbürgersteige Boises mit dem Skateboard rauf und runter...

irgendwann fand ich Electric Dragon und mein Leben sollte sich ändern. Kann ich Dir helfen rief mir der Tätowierer hinterm Tresen dort fröhlich zu...Ich schau mich nur um....Wenn Du Fragen hast sag Bescheid...ich hatte viele Fragen und umgeschaut habe ich mich in diesem Laden  beinahe zwei Jahre meines Lebens. Nach meinen ersten Gehversuchen als Tätowierer bei Russell war ich verhext. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, jemals nochmal was anderes tun zu wollen.

Seitdem sind siebenundzwanzig Jahre vergangen und das Tätowieren und ich sind allerbeste Freunde geblieben. Nachdem ich beinah drei Jahre meines Lebens im Westen der USA verbracht hatte, eröffnete ich 1989 in meiner Heimatstadt Marl, im Ruhrgebiet TNT. Top Notch Tattooing ist seitdem mein Basiscamp und Atelier für viele internationale Gastkünstler.

War ich in den neunziger Jahren noch ambitioniert an zahlreichen internationalen Tätowiermessen in aller Welt dabei zu sein, beschäftige ich mich seit dem Jahr zweitausend zunehmend damit, mehr die Formen des Tätowierens zu erfahren die tiefere Motivationen haben, als irgendwelchen kommerziellen oder medial erzeugten Trends zu folgen. Auf vielen mehrmonatigen Reisen im Südpazifik wurde mir bewusster, dass Tätowierungen viel mehr können als bloßer Schmuck zu sein und als Symbol des „anders“ sein, zu dienen. Die Erfahrung das Tätowierungen Indikator hoher gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung sein können, erweiterten mein Bewusstsein über das ausführen der ältesten Kunst des Menschen grundlegend. Meine Neugier nach Tradition und Motivation der Menschen sich tätowieren zu lassen ist mit jeder meiner Reisen größer geworden. Für mich wurde es wichtiger diese Neugier zu nähren anstatt Anerkennung meiner Arbeit in Form von Auszeichnungen auf Tattooconventions und Lobdudelei durch Fachpresse zu erfahren. 

Motorräder eröffneten mir oftmals den Zugang zu abgelegenen Orten. Eingestaubt mit Insektenverkrustetem Gesicht ist die Gastfreundschaft die einem wiederfährt oft umfangreicher, die Orte die mit einem halbwegs geländegängigem Motorrad erreichbar sind auf anderem Wege kaum zu finden. Die Menschen und Tätowierungen die man an diesen Orten finden kann Original und unverfälscht.

Tätowierarbeiten die ich an solchen Orten anfertigte, werden oftmals nicht mit Geld sondern mit tiefer Dankbarkeit und kultureller Kommunikation entlohnt. Die Umstände unter denen solche Arbeiten entstehen sind oft widrig. Fernab ab von der modernen Sterilität eines Tätowierstudios der westlichen Welt entdeckte ich die Selbstverständlichkeit der Tätowierung in vielen Gesellschaften.

Mein ab Mai 2014 geplante Reise „Notch the World“ möchte diese Selbstverständlichkeit dokumentieren. Eine Weltreise mit dem Motorrad und dem Hintergrund auf dem Weg Menschen zu finden, die tätowieren und ihre Arbeit zu dokumentieren. Ein Motorrad scheint mir für solch eine Reise am geeignetsten, da es mir Zugang zu abgelegenen Gebieten und Flexibilität im Verkehrschaos selbst größter Metropolen bietet. Die Dauer dieser Reise soll zunächst zwei Jahre betragen und von Deutschland über Wien, den Balkan, Ungarn, die Türkei, Iran, Turkmenistan, Karakorum, Kaschmir, Indien, Bangladesch, Myanmar, Thailand, Indonesien, Malaysien, Australien und Neuseeland führen. Je nach Jahreszeit wird die Reise dann in Nord oder Südamerika fortgesetzt. Auf dem Weg möchte ich verschiedensten Tätowierenden Menschen begegnen. Manche dieser Begegnungen werde ich vorbereiten, andere wiederrum werde ich einfach geschehen lassen. Ich selbst werde mein Motorrad so ausstatten, dass es mir möglich ist von einer zweiten Batterie aus zehn bis fünfzehn Stunden ohne Elektrizität Tätowierungen mit den mir gewohnten Werkzeugen anfertigen zu können. Ich möchte auf dieser Reise beides beleuchten, den leuchtenden Tattoopalast im Großstadtgewirr und den einfachen Dorftätowierer am Ende der Piste. Ich möchte dokumentieren was all diese Menschen gemeinsam haben, die Liebe zur ältesten Kunstform der Menschheit.